- 2. Heidelberger Schachherbst, 2020 -
29.10. - 01.11.
 

Im Herbst des Schachlebens
 
Scharmützel am Neckar

Im Herbst des Schachjahres - vermutlich schon Winter und Frühjahr in einem - nahmen wir nochmal die Gelegenheit wahr, ein Schachturnier zu besuchen. Sebastian als Spieler, ich passiv. Einmal mehr, aber bei den nächsten Turnieren werde ich auch wieder selbst etwas die Klötzchen schieben. Nach Mainz reisten wir am Vortag des Turniers an über die schönen deutschen Autobahnen. Autobahnen - das sind die jeweils etwa 2 km asphaltierten Straßenabschnitte zwischen den Baustellen. Ging aber einigermaßen voran. Im CD-Spieler lief bei uns das neue Album vom Boss Bruce Springsteen (etwas in die Jahre gekommen, aber recht rockig) und das ewig junge „Disintegration“ von The Cure (schwärm). Damit wäre das auch mal gesagt!

Das Heidelberger Turnier wurde in zweiter Auflage von einem Schach-Enthusiasten veranstaltet. Man bekam hier das Grundlegende geboten, sprich: Altes Bürgerhaus, Plastikfiguren, DGT ist morgen… Aber ein netter Gastgeber, der auch ordentlich Preisgeld auf die Beine stellen konnte. Letztlich versammelte sich ein Schachvolk von etwa 150 Leuten, die in zwei Turnieren, A und B, über 7 Runden kämpften.

Sebastian war an Platz 10 gesetzt - nicht toll, man muss sich ein paar Runden behaupten, bis man erstmals einen gleichstarken oder besseren Gegner bekommt. Und das ist das Ziel: Verbessern des eigenen Spiels, und das kann man halt am besten gegen gute Leute. Manchmal muss man wirklich ein paar Runden warten auf diese Leute, aber was hier passierte, war schon kurios. Letztlich wurde das Turnier für Bast zu einem Lackmustest hinsichtlich des Spieles gegen schwächere Gegner.
 

Heidelberg von oben, kurz vor dem Spiellokal

Runden 1-2
Donnerstag
Taktische Sperenzchen

Am ersten Tag gab es ein bitteres Auftaktremis gegen 2000 mit Weiß. Ja, dieses Mal kommen wir mehr über Diagramme. Das ist weniger Arbeit für den Autor! Aber die Partien hier boten sich auch wirklich dazu an.
 
Sebastian - Pick
Schwarz am Zug
"Pick your choice"

Schwarz war am Zuge in der Stellung, und die Lage für ihn gar nicht so schlecht. Er hat Raumgewinn am Damenflügel, das weiße Läuferpaar ist auch noch nicht so viel wert. Schwarz steht bestimmt noch nicht schlechter. Es folgte jedoch 28. … Te6!?, an sich noch kein Fehler, bereitet aber einen vor. 29. Lh3 Tb6? Opfert eine Figur für Gegenspiel. Völlige Verkennung der Sachlage auf dem Brett von Schwarz. Nicht nur, dass das Gegenspiel völlig ungenügend ist, sondern Schwarz hatte eine solche Aktion überhaupt nicht nötig.

Sebastian nahm das Material auf d7 und konsolidierte sich. Dann hatte er aber einen Blackout, übersah ein Zwischenschach und musste die Figur wieder abgeben. In der Folge geriet Sebastian auf die Verluststraße, erkämpfte aber noch ein Remis, wobei sein Gegner unverständlicherweise auch kaum Ambitionen zeigte, auf den ganzen Punkt zu spielen und es war sogar der Oldenburger, der ein Remisangebot in dann schon wieder ausgeglichener Lage ablehnte. Aber Remis.

Kein toller Auftakt, aber sicherlich zu früh, um den Korn in die Flinte zu kippen. Und ein Schweizer Gambit kann manchmal auch ganz praktisch sein, um den Topleuten aus dem Wege zu gehen - aber gerade das war eben nicht das Ziel. So war Sebastian in der Nachmittagspartie mit Schwarz gefordert gegen 1900:
 
 
Madera - Sebastian
Weiß am Zug
"Trick Nr. 17"

Sebastian stand hier bereits deutlich besser, z.B. 28. Dc1 Df5 29. Sg1 Df4 mit klarem Vorteil. Es folgte jedoch das Ende mit Schrecken: 28. Dg3? Bast nahm nun trocken den Springer weg und die Partie war vorbei. 28. … gxh3 und Weiß gab auf, hätte aber noch eine Falle probieren können: 29. Dxh3+, wonach …Df5? von Tf1! beantwortet würde, und Schwarz könnte aufgeben. Nach normalen Zügen aber gewinnt Schwarz einfach, da die Dame wg. der Grundreihendrohungen natürlich tabu ist.

Runden 3-4
Donnerstag
Sieg gegen den Deutschen Meister

Ja, in der Tat wurde der Deutsche Meister besiegt, aber es war der U12-Meister von 2019. Er hat immerhin 2000 ELO aufzuweisen. Bast spielte hier mit Weiß in gutem Stile auf. Der Gegner griff früh daneben und musste eine Ruine verwalten. Sebastian spielte die Partie auf sehr schöne Art zu Ende. Hier unkommentiert die sehr interessante Umsetzungsphase der Partie:

Sebastian - Förster-Yialamas

Und die Gegner wurden etwas besser! Am Nachmittag gegen knapp 2100 mit Schwarz war es schwierig, etwas herauszuholen gegen ein sehr solides, weißes System, ein Doppelfianchetto. Alles verlief in geordneten Bahnen, bis Weiß dann die Geduld verlor - oder ließ er doch plötzlich „Ambitionen“ erkennen?:
 
Frey - Sebastian
White to blunder
"Der entfernte Isolani"

Die Lage dürfte in etwa ausgeglichen sein. Weiß entdeckte nun eine "petite combinaison": 30. a6? Dies spekulierte auf 30. … Sxa6 31. Lxc6, und … Te7+ würde dann beantwortet mit Le4. Weiß hätte zwar keinen Vorteil, aber sich seines isolierten a-Bauern entledigt. Vermutlich war das zumindest die Idee. Sebastian wies aber nach, dass die „kleine Kombination“ in Wirklichkeit ein "grosse erreur" war: 30. … Te7+. Dieses Zwischenschach macht nun die Idee zunichte: 31. Kd2 Sxa6, wonach Lxc6 nicht mehr funktioniert wg. letztlich Te6. Nicht nur der Bauer war weg, die Stellung war auch plötzlich schrottreif. Bast kam mit der Abrißbirne.

3,5 aus 4! Nach dem unappetitlichen Auftaktremis drei Siege en suite und ein leichtes Performance-Plus. Nicht die ganz guten Gegner bisher, aber man konnte ja immerhin um die Preisgelder spielen, zumal die meisten der Top 10 ihre Probleme hatten und Federn ließen.
 

Das gutbürgerliche Bürgerhaus war der Spielort

Runden 5-6
Samstag
Sean Connery in Sottrum

Nun würde es doch bestimmt einen fetten Gegner geben mit 3,5 Punkten? Aber oh Wunder - 1970. Was war das? Ein junger, aufstrebender Gegner, aber mit 18 Jahren auch kein Wunderkind. Doch hier wehte ein Hauch von Sottrum durch den Heidelberger Turniersaal. Mit Weiß musste jedenfalls gewonnen werden. Sebastian bekam auch seine Vorbereitung auf das Brett, der Gegner spielte nicht streng - und der Oldenburger griff daneben. So hatte er erstmal zwei Minusbauern nach Damentausch ohne ausreichende Kompensation.

Der Gegner spielte aber nicht so streng, wie wir erst dachten, und wir fanden durchaus Remismöglichkeiten im weiteren Verlauf. Dann aber musste Sebastian eine Figur für einen Freibauern geben und stand auf Verlust - bis sich am Ende eine ungeahnte Möglichkeit auftat:
 
Sebastian - Engemann
Schwarz am Zug
"The end came in the endgame"

Schwarz steht hier auf Gewinn, der z.B. durch Ke6 zu realisieren war. Doch es folgte 46. … Kg6? Jetzt hätte Bast das Remis erreichen können. Es folgte auch 47. h4 Le2. Aber nun remisierte 47. g5! anstelle des gespielten 47. Kg3? Schwarz bliebe nur … h5. Er hätte dann zwar für seinen Randbauern den richtigen Läufer, aber sein König kommt nicht rum. Weiß pendelt mit dem König Richtung e5 und d6. Leider verpasste Bast diese Gelegenheit und verlor.

Sein Gegner setzte seine Siegesserie am Nachmittag noch weiter fort und haute noch einen 2300er um, wonach seine Turnierleistung bei über 2500 Punkten lag. Wait, what? Also, für solche Werte wurden in der Vergangenheit schon Leute verhaftet! Aber nein - hier ging alles mit rechten Dingen zu. Und genau darum kann man jemanden auch nicht allein wegen einer bestimmten Performance an den Pranger stellen. Hut ab also vor dem jungen Mann und seinem Turnier!

Bei Sebastian war natürlich der Frust eingekehrt. Aber er riß sich am Nachmittag zusammen. Mit Schwarz ging es gegen einen älteren 2150er, den er nach allen Regeln der Kunst in seine Bestandteile zerlegte - bis…
 
Puschendorf - Sebastian
Schwarz am Zug
"Like a g6"

Weiß hat soeben die Türme verdoppelt. Aber g6 hängt nicht, nach z.B. 29. … Kf7 ist der g-Bauer tabu wegen Sf4, wonach h2 durchhängt. So oder so ist Weiß hier geplatzt. Doch es folgte ein „epic howler of major proportions“ (ich glaube, bei Seirawan gelesen) mit 29. … g5? Unerklärlich. Unverständlich. Schwarz behält nach dem sofort auf das Brett gedroschenen 30. Txg5 zwar zwei Türme für die Dame, aber in Summe landet er mit drei Bauern im Dispo. Es folgte noch ein harter Kampf, Weiß war auch nicht allzu elegant in der Umsetzung - aber die Null wurde eingefahren.

Ein ruiniertes Turnier! Und zweimal brachte ausgerechnet Sebastians Lieblingszug g5 die Entscheidung zu seinen Ungunsten. Ich scherzte noch, Sebastian habe die Doppel-Null an dem Samstag als Reminiszenz an den am Tag zuvor verstorbenen Sean Connery eingestreut. Der stand aber mehr auf MI6 statt auf g5. Im Dienste ihrer (Bauern)Majorität…
 

Unsere Appartementanlage
erinnerte an Bates Motel

Runde 7
Sonntag
Wie es laufen kann!

Nun musste natürlich in der letzten Runde nochmal gewonnen werden. Ein junger Gegner, 2000 auf dem Konto - aber Bast hob davon etwas ab und zeigte, was er spielen kann. Er überließ seinem Gegenüber zwar Raum am Damenflügel, aber es war ein Raum voller Schimmelflecken. Sein Spiel auf der anderen Brettseite war überzeugend, und er kam schnell zu einem vollen Punkt. Hier die zweite Partiehälfte unkommentiert.

Sebastian - Simbikangwa

Fazit

Schade, es war ein Turnier, wo mehr drin war. Die taktischen Fehler waren schon ziemlich kurios, die Spielanlage aber lässt auf mehr hoffen. Hier kann man eigentlich kaum etwas kritisieren. Vermutlich fehlte einfach an der ein oder anderen Stelle der Fokus. Die Punkte kann man sich zurückholen. Platz 18 in der Tabelle, der Vollständigkeit halber. Der Wonderboy aus Runde 5 belegte am Ende übrigens den zweiten Platz nach einer finalen Null gegen IM Kopylov.

Hier noch wie immer der Link zur offiziellen Seite: Link

frank modder, 03.11.2020
 

James Bond bescherte uns Schachklassiker wie "Gichtfinger" und "Man wiederholt nur zweimal"