- Leer Open, 2021 -
28.10. - 31.10.
 

Wir zogen vom und an die Leda
 
Zu Gast in der Stadt an der Leda

Ende Oktober fand die 4. Auflage des Leeraner Schachopen statt. Organisator Edzard Wirtjes hat das Turnier mit kurzer Vorlaufzeit an den Start gebracht. Es ist immer eine angenehme Sache, ein Turnier dieser Art spielen zu können, wenn man nur 10 Autominuten entfernt seinen Wohnsitz hat! Um nicht in die Wohlfühlfalle zu tappen, hatte ich mir wieder ein paar liebe Hausgeister herangeholt: Von Bunde aus brachen mit mir noch Sebastian und Maik, später auch Lukas, zu den Leeraner Schlachten auf.

Versuchen wir im Folgenden einen Überblick bzw. Streifzug durch das Turnier. Allerdings kann ich nur auf die schachlichen Taten von Bast und Maik rekurrieren. Sebastian versuchte sich dabei am dreifachen Rittberger: Kurz zuvor absolvierte er Auftritte in den Niederlanden und in Frankreich. Eine echte Tour de Force also. Hier immerhin mal ein Turnier der kurzen Wege. Warum aber müssen nur die zum vollen Punkt immer so beschwerlich sein?

Noch etwas zum Modus: 7 Runden CH, Bedenkzeit war „Fischer sehr kurz“, also 90 Min/40 + 15 Min + 30 Sek. Also nur 15 Minuten nach der Zeitkontrolle. Für mich immer noch das kleinere Übel im Vergleich zu „Fischer noch etwas kürzer“ wie in Sebastians o.g. beiden Turnieren, wo man auf eine zweite Zeitkontrolle gleich ganz verzichtete. Dworetzki - Gott habe ihn selig - beißt vermutlich gerade in seine Endspieluniversität.

Donnerstag Nachmittag
Eröffnungskatastrophen

Sebastian - Sinnhöfer (1852) 1:0
Pahl (2116) - Maik 1:0
Frank - Ewert (2265) 0:1

Ich gebe immer die DWZ an.

Eröffnungskatastrophen bei Bast und Maik, allerdings bei Sebastian zu Lasten seines Gegners. Wenn auf dem Partieformular 8. Dxf7+ steht, ist meist irgendwas schiefgelaufen. Bast schläferte den gegnerischen Wanderkönig wenig später fachgerecht ein. Maik flankierte zu früh, sein Gegner konnte im Zentrum vorstoßen und Maiks Koordination stören. Weiß wählte in der Folge nicht immer das Strengste, aber unser Mann kam nicht mehr so richtig in die Partie.

Interessanter war es bei mir gegen Bremens jungen FM Hannes Ewert. Ich war schon nicht mehr zufrieden mit meiner Stellung, als mein Gegner dann ein positionelles Qualitätsopfer spielte. Da gingen die Abenteuer erst los…

Frank - Ewert

Tja, gut gekämpft, aber am Ende steht dann gegen „obere Hälfte“ halt viel zu oft doch die Null.

Freitag Vormittag
Die Rückkehr des Altmeisters

Dobrosmyslov (2262) - Sebastian 0:1
Maik - Teichert (2035) 0:1
Hentrop (1753) - Frank ½:½

Ich spielte uninspiriert und knabberte das gegnerische Zentrum im falschen Moment an. Mein Gegner spielte dann zum Glück langsam, indem er einen Läufer abholte, den er vorher schon passiv gestellt hatte. So konnte ich ausgleichen. Das Endspiel hätte ich nach Meinung von Sebastian vielleicht noch etwas spielen können, aber ich musste froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert war. Maik stand nach der Eröffnung schlecht, irgendwann verlor er einen Bauern für nichts. Doch dann riss er sich zusammen und generierte sinniges Gegenspiel. Als die Partie schließlich kurz vor dem Remis stand, unterlief Maik, wohl in Zeitnot, noch ein Missgeschick:
 

Maik mit Weiß am Zug

Hier hat Weiß keine Probleme nach Tausch auf a6 nebst z.B. Te2 oder h4 etc. In Zeitnot spielte Maik leider zuerst 34. Te2. Es folgte ... Lb7+ 35. Kg1 Sh3#.

Sebastian hingegen traf auf den Altmeister Smyslov… nein, natürlich nicht ganz: Auf den russischen Jungmeister Dobrosmyslov (Jg. 2000). Gegen einen in etwa gleichstarken Gegner kann man die Big Points machen. Das dachten sich wohl beide Seiten und ballerten auf den ganzen Punkt:

Dobrosmyslov - Sebastian

Spitzenmäßiger Start also für Bast in das Turnier. Komplizierte Partie mit Gewinnchancen für beide Seiten. Lg5+ wäre der Hauptgewinn für Weiß gewesen, am Ende hat er wohl übertrieben und hätte das Remis mitnehmen sollen. Nach einer Mittagspause in Bunde ging es dann gleich wieder an die Bretter. Zum Zeitschema am Ende nochmal ein Kommentar.

Freitag Nachmittag
Maiks Schockmoment

Sebastian - Thinius (2356) ½:½
Klokgammer (1848) - Maik 0:1
Frank - Weidemann (2042) ½:½

Ich kam nicht ins Turnier… Gegen einen jungen Gegner hatte ich nach etwa 25 Zügen eine Stellung mit einem Mehrbauern aufgebaut, aber auch die anderen Stellungsmerkmale lassen den Rechner deutlichen Vorteil anzeigen. Leider war ich sehr müde an dem Nachmittag und begriff auch nicht, wie gut meine Stellung wirklich war und fand nicht mehr als eine Zugwiederholung.

Sebastian stand etwas verdächtig mit Weiß gegen IM Thinius. Er verlor schließlich einen Bauern, hatte dann aber vernünftige Kompensation in dem Endspiel mit seinem Läuferpaar. Bast spielte das Endspiel auch sehr sinnig und teilte den Punkt in zwei Hälften. Hier das Endspiel mit nur leichter Kommentierung:

Sebastian - Thinius

Sinnig gespielt, wie gesagt. Nun zu Maik, der nach zwei Nullen dringend was machen musste. Irgendwann im Mittelspiel begann er, seinen Gegner zu überspielen und fuhr seine Geräte am Königsflügel auf. In völliger Gewinnstellung nagelte er schließlich auf f2 rein - und übersah, dass der Bauer gedeckt war. Ein Schockmoment:

Klokgammer - Maik

Da wäre Weiß fast noch dem Sensenmann vom Klamottenhocker gehüpft! Den Durchatmer von Maik konnte man bis Bunde hören. 

Samstag Vormittag
Es graute der Morgen

Jugelt (2351) - Sebastian 1:0
Maik - Kamp (2025) ½:½
Wahrenberg (1804) - Frank 1:0

Nun war ich dran mit einer Eröffnungskatastrophe. Nach einem völligen Blackout stellte ich bereits früh in der Eröffnung f7 ein. Ich musste noch die Qualle hinterherwerfen. Ich versuchte dann nochmal alles, aber mein Gegner fiel auf keine Tricks mehr herein. Das Turnier drohte zum Rohrkrepierer zu werden.

Bast hatte es mit dem nächsten IM zu tun. Bislang ein sehr sinniges Turnier für ihn, nun eine schwierige Aufgabe mit Schwarz. Nach ein paar Problemen schien Sebastians Stellung vernünftig genug. Die Partie entschied sich dann in der kritischen Phase vor der Zeitkontrolle:

Jugelt - Sebastian

Das mit dem Überstehen der Zeitnot ist übrigens etwas trügerisch. Es gibt ja nur weitere 15 Minuten Aufschlag. Da ist man schnell wieder in vor Zeitprobleme gestellt, bevor man richtig durchatmen kann.

Maik stand stark in bzw. nach der Eröffnung, der Gegner konnte aber im Mittelspiel das Ruder herumreißen. Doch auch er nutzte seine Möglichkeiten nicht konsequent in einer eher zerfahrenen Partie. Schließlich tauschte man alles runter in ein ungleiches Läuferendspiel. Unsere Hoffnungen an diesem Tage mussten wir also auf die Nachmittagsrunde verlegen.

Samstag Nachmittag
Das Damengambit

Sebastian - Müller (2046) 1:0
Silz (1984) - Maik 1:0
Frank - Peglau (1933) ½:½

In meiner Partie gegen eine junge Gegnerin setzte sich zunächst mein bisher schlechtes Spiel fort. Die Eröffnung war eher mäßig verlaufen, dann sah ich mich plötzlich gutem Spiel am Damenflügel ausgesetzt. Hier verlor ich einen Bauern. Das war etwas ein Erweckungsmoment für mich von meiner bisherigen Turnier-Lethargie. Ich aktivierte mein Läuferpaar und entwickelte aktives Gegenspiel. Immerhin rettete ich noch einen halben Zähler.

Maik hatte ebenfalls eine junge Gegnerin (Lukas in dieser Runde ebenfalls, daher das Motto der Runde). Nach ein paar Eröffnungsproblemen war Maik aber schon nach 19 Zügen in einem ausgeglichenen Endspiel L+S vs. L+S mit symmetrischer Bauernstruktur gelandet. Maik machte sich das Leben danach etwas unnötig schwer, hätte aber ohne weiteres ein Remis holen müssen. Kurz vor dem 40. strauchelte er. Ein weggeworfener, halber Zähler.

Sebastian wetzte mit Weiß eine scharfe Klinge, schnitt sich dann aber fast selbst:

Sebastian - Müller

Eine unsolide Partieanlage und eine kritische Stellung. Als Bast dann aber einmal im Vorteil war, ging es wie beim Brezelbacken. Der Abend war dann mal richtig entspannend: Die Umstellung auf Normalzeit brachte eine zusätzliche Stunde Nachtruhe. Bedeutete quasi: Rundenbeginn Sonntag, 10 Uhr! Für Morgenmuffel genau das Richtige. 

Sonntag Vormittag
Jetzt mach‘ aber mal ‘nen Punkt!

Holtel (2316) - Sebastian 1:0
Fuhrmann (1990) - Maik 0:1
Reuter (1861) - Frank 0:1

Bittere Runde für Sebastian, der hart fightete, nachdem er irgendwann einen Bauern weniger hatte. Aber ihm unterliefen leider zu viele leichte Fehler. Immer, wenn er sich mal wieder rangerobbt hatte… Es war zum Verzweifeln. Bittere Partie.
 

Bast mit Schwarz am Zug

Sebastian wehrte hier mit f6 das Läuferschach ab, der Bauer kann aber natürlich einfach genommen werden nebst Se4+. Danach war wohl nichts mehr drin, bis dato hatte unser Mann gut gekämpft. Dass der Bauer f6, wenn er einen Läufer auf e5 angreift, auch mal schnell ins Kästchen wandern kann, erfuhr schon Spassky in seinem berühmten Blackout in der 14. Partie in Reykjavik 1972.

Maiks Gegner stampfte schon nach wenigen Zügen zwei  Bauern weg, wobei Maik nur einen davon mitnahm. Weiß warf danach am Königsflügel die Bauern nach vorne, aber diese Medizin war schlimmer als die Krankheit. Die Bauern fielen nach und nach Maik zum Opfer. Das war ein Himmelfahrtskommando - nur ohne Hoffnung.

Nun war es an mir, mein Turnierziel zu erreichen: Eine Schachpartie zu gewinnen. Ein paar lauwarme Sitzbäder hatte ich ja in dem Turnier schon abgesessen, aber langsam kam ich etwas in Schwung und lieferte endlich mal eine vernünftige Partie ab. Gehen wir gleich zum entscheidenden Moment:

Reuter - Frank

Ich glaube, der technische Teil nach dem Bauerngewinn gelang mir ganz gut. Keine Kunst in der Stellung? Für mich leider häufig wohl, darum war ich hier ganz zufrieden.

Sonntag Nachmittag
Das sinnloseste Luftloch des Turniers

Sebastian - Werbeck (1940) 1:0
Maik - Hoekstra (2059) 1:0
Frank - Heinemann (2139) 0:1

Sebastian machte kurzen Prozess mit dem Gambit seines Gegners, der nicht genug Spiel generieren konnte. Als er den Bauern zurückbekam, geriet er in eine tödliche Fesselung. Damit wurde Bast seiner Favoritenrolle vollauf gerecht, letztlich konnte er damit ein paar Ratingpluspunkte sichern. Maik stand erst gut, dann schlecht, kämpfte sich aber wieder in eine vorteilhafte Stellung:
 

Maik mit Weiß am Zug

Gemäß der alten Maxime „man muss dem Gegner auch mal die Möglichkeit geben, einen Fehler zu machen“ und der noch älteren „lasse nie ein Schach aus…“ spielte Maik 29. Te8+. Nach der erhofften Antwort … Kf7? folgte natürlich 30. Dxd3! Dxd3 31. Se5+ nebst einem gewonnenen Endspiel, was Maik mit etwas Mühe dann auch ins Ziel brachte. Die Doppel-Eins am letzten Turniertag machten das Open für Maik noch recht erfolgreich.

Ich hatte eine gute Stellung gegen meinen Oldenburger Vereinskameraden Ernst Heinemann, vergeudete aber zu viel Zeit damit, den entscheidenden Schlag zu finden (den es nicht gab). In Zeitnot geriet ich in eine Verluststellung, die mein Gegner aber nicht ausnutzen konnte. Um aller Probleme Herr zu werden, produzierte ich dann - immer noch in Zeitnot - einen Notausgang, woraufhin ich prompt durch die Haupttür herausgezogen wurde:

Frank - Heinemann

Und damit schließt sich für mich der Kreis zur 1. Runde: Am Ende steht zu oft die Null.

Fazit:

Ein paar Zugewinne bei Sebastian und Maik, leichte Verluste bei mir. Ansonsten mal schön, wieder am Brett gewesen zu sein. Ein wie immer gut organisiertes Turnier, Kaffee/Tee wurde wie immer vom Veranstalter geschmissen - gute Sache! Problem bei mir, ähnlich wie beim Bremer Teilnehmer Olaf Steffens, ist die frühe Anstoßzeit um 9 Uhr. Aber alles kann man ja nicht haben! Vielleicht kann man die Nachmittagsrunde eine Stunde später anpfeifen, damit man eine vernünftige Mittagspause hat. Dauert es am Vormittag mal länger, bleibt häufig nicht mehr viel von der Pause, nach hinten hin, also am Abend, hat man ja meist keine Probleme. Aber es bleibt dabei: Ein schönes Turnier in entspannter Atmosphäre.*

Hier noch der Link zur Turnierseite:

Leer Open

- frank modder, 16.11.2021
 

Vorbereitung ist alles. Die Rechner liefen heiß. Ich muß wohl mal anbauen!

* Ok, leichte atmosphärische Störungen verursachte ein nicht näher genannter Großmeister nach einer Verlustpartie.