- Deutsche Meisterschaft Schnellschach, Magdeburg, 2018 -
08.09. + 09.09.
 

Sebastian als Marathonläufer
Zu Gast: Martin Breutigam
 
Spannendes Kampfschach und Endlospartien beim Bundesfinale

In Magdeburg fand jetzt am Wochenende zum 44. Mal die Deutsche Einzelmeisterschaft im Schnellschach statt. Sebastian qualifizierte sich dafür über die Niedersächsische Meisterschaft, die im Januar in Verden stattfand. Am frühen Samstag Vormittag machten wir uns auf den Weg ins Maritim Hotel nach Magdeburg, wo die Meisterschaft ausgetragen wurde. Als Reisebegleiter - und Teilnehmer natürlich - hatten wir Sebastians Manschaftskollegen Martin Breutigam von unserer 1. Mannschaft des SK Union Oldenburg mit dabei.

Die Anfahrt war unproblematisch, auch wenn ein paar Baustellen im Innenstadtbereich von Magdeburg mal wieder für eine kleine Verspätung sorgten. Aber Sebastian und Martin hatten nach Ankunft noch eine Dreiviertelstunde Zeit, um sich auf dem Zimmer ein wenig frisch zu machen. Um 14 Uhr ging es dann in einem Saal des Maritim an die Bretter.
 

Hotel
Spielsaal

Samstag

9 Runden (Samstag 5, Sonntag 4) mit einer Bedenkzeitregelung von 15 Minuten + 10 Sekunden Inkrement waren angesetzt. Der Spielsaal war geräumig und hell, gute Bedingungen im Grunde. 28 Teilnehmer fanden sich ein, darunter auch 3 GM und 5 IM. Unsere beiden Kämpfer starteten allerdings schwer ins Turnier - mit jeweils zwei Nullen, wobei Martin u.a. das Hamburger Schachtalent Luis Engel als Gegner hatte. Sebastian hatte es aber auch 2x mit 2300ern zu tun, werfen wir einen Blick in seine Auftaktpartie, in der er auf Gewinn stand:

Sebastian vs. Johannes Paul

Dann jedoch für beide der erste Sieg. Sebastian war dabei aber über eine Stunde lang unterwegs, als er eine Gewinnstellung zunächst vermasselte und dann ein Damenendspiel mit einem Mehrbauern ewig lange kneten musste, bis der Gegner einbrach. Bei einer Basisbedenkzeit von 30 Minuten muss also eine weitere halbe Stunde akkumuliert werden, um auf die genannte Spielzeit zu kommen, wozu die Spieler 90 Züge benötigen. Die Partie dürfte also über 100 Züge gedauert haben. Meist musste man immer auf zumindest eine Begegnung lange warten, aber wir werden sehen, dass Sebastian noch eine andere Partie spielen sollte, die rekordverdächtig war.

Sebastian und Martin marschierten beide im gleichen Takt weiter und teilten sich in den letzten beiden Partien am Samstag die Gegner - auch mit jeweils demselben Ergebnis. Sebastian verlor zunächst gegen IM Schöne. Dieser musste aber ein taktisches Scharmützel überstehen, nachdem Sebastian in schlechter Stellung die Turmbombe warf:

Ralf Schöne vs. Sebastian

Schöne hatte danach auch noch Martin auf dem Gewissen, der zuvor gegen Collin Colbow gewann. Auf dieses junge Talent aus dem Bremer Raum traf Sebastian dann wie gesagt in der letzten Runde, und hier lieferte er eine starke Partie ab:

Sebastian vs. Collin Colbow

An ein paar Stellen ging es strenger, aber mit Schnellschachanalysen muss man natürlich auch immer vorsichtig sein. Für den jungen Spieler vom Bremer Schachbund war es letztlich auch ein zufriedenstellendes Turnier und wir werden sicher noch das ein oder andere von ihm hören in der Zukunft.

Am Abend plünderten wir dann das Hotel-Buffet, beim Saunabesuch danach konnte Sebastian seine Kampfmotivation etwas herunterkühlen. Es war ein entspannter Abend. Martin, der als Schachjournalist u.a. für die Süddeutsche und den Tagesspiegel aktiv ist, konnte beim Essen manche Anekdote aus seinem Erfahrungsschatz berichten. So war er zum Beispiel einst in Bremen mit Mikhail Tal unterwegs. Bekannt ist auch, dass er vor ein paar Jahren Beobachtungen zum merkwürdigen Verhalten des bulgarischen Spitzenspielers Topalov während seiner Partien machte, was er, so meine ich, als einer der Ersten und auch Wenigen sich traute, journalistisch öffentlich zu publizieren.* Weniger bekannt ist, dass die Beiden sich dann bei der Olympiade in Dresden plötzlich nebeneinander stehend wiederfanden… Nun denn!
 
 

Sonntag

Wenn zwei sich im Gleichklang bewegen, dann kreuzen sich manchmal die Wege. So war es auch bei unseren beiden Kämpfern aus Oldenburg. Sebastian stand gut und ließ zweimal wohl gewinnverheißenden Vorteil aus, als die Partie dann in eine dramatische Phase eintrat und es zu mehreren Umwandlungen kam:

Sebastian vs. Martin

Der Meister hatte sich durchgesetzt, und für ihn war das die Initialzündung zu einem hervorragenden zweiten Turniertag. Nach einem weiteren Sieg bezwang Martin in der vorletzten Runde Großmeister René Stern aus einer kritischen Lage heraus.

Sebastian remisierte mit Schwarz einen weiteren talentierten Spieler. In Erfurt 2016 gelang Sebastian noch ein Sieg gegen diesen jungen Gegner, der aber mittlerweile bei 2250 ELO rangiert (2150 DWZ). In den Partien ist übrigens jeweils die Langzeit-ELO angegeben. In der vorletzten Runde reinkarnierte Sebastian ein müerthologisches Wesen - die Seeschlange. Schauen wir uns zunächst mal das Mittelspiel der Partie an:

Scherer vs. Sebastian

Die Gewinnstellung verarbeitete Sebastian schließlich zu in etwa der folgenden Konstellation:
 

Scherer - Sebastian

Das ist keine Gewinnstellung mehr. Sebastian gab eine Unmenge Schachs auf den Diagonalen g1-a7 bzw. h2-b8 und lief mit dem König mal hierhin und mal dorthin. Der Gegner hätte ein Remis reklamieren können wg. der 50-Züge-Regel, aber er schrieb natürlich nicht mit. Der Schiedsrichter zählte wohl für sich selber, greift aber erst nach 75 Zügen aktiv ein. Und soweit kam es nicht. Sebastian transportierte irgendwann seinen König nach f1 und sorgte für die Trennung von Turm und König des Gegners, dieser überschritt dann die Zeit.

Laut der Seite des Deutschen Schachbundes dauerte die längste Partie in Magdeburg über 200 Züge. Es kann damit eigentlich nur diese Partie gemeint sein, zumal man bei der Siegerehrung einen Sonderpreis für Sebastian für die standhaftesten Partien oder so etwas anregte. Damit wäre er in den Top 10 der längsten jemals entschiedenen Partien. Die MegaDatabase von Chessbase kennt sieben entschiedene Partien über 200 Züge. Als Zeuge der Dauer der Partie und durch ein paar logische Rückschlüsse komme ich allerdings zu dem Ergebnis, dass die Partie wohl nicht länger als etwa 150 Züge gedauert hat. Aber immerhin!
 

Sebastian beim Handschlag vor der ominösen 200(?)-Züge-Partie

In der Schlußrunde hatte Sebastian erneut das letzte Wort, aber hier verlor er das Endspiel, nachdem er zuvor wieder Remis abgelehnt hatte. Zu dem Zeitpunkt stand er wohl leicht besser. Und Remis liegt nunmal nicht in seinem Naturell. Gegen Martin allerdings hätte er wohl annehmen sollen, diese Entscheidungen trifft man aber ja ad-hoc - also keinen Vorwurf natürlich.

Martin rundete seinen Tag ab mit einem Remis gegen einen weiteren Großmeister: Alexander Naumann stand damit als Turniersieger fest. Aber Martin machte es ihm nicht leicht und lehnte auch ein Remis zunächst ab. Als er aber schon nicht mehr besser stand, wurde man sich handelseinig.

Fazit

Ein im Grunde gelungenes Turnier mit vernünftigen Spielbedingungen. Leider ein wenig stiefmütterlich behandelt in der allgemeinen Berichterstattung, wo es ein wenig untergeht. Auch die Tatsache, dass keinerlei Preisgeld ausgeschüttet wurde, wirkt irritierend bis befremdlich - immerhin ist es eine Deutsche Meisterschaft. Zumindest gab es Pokale und Geschenkkörbe für die Erstplatzierten.

Platz 5 für Martin war ein gutes Ergebnis. Auch Sebastian war mit seinem Spiel insgesamt zufrieden. Er spielte hochambitioniert und wählte stets scharfe Fortsetzungen, immer auf den vollen Punkt abzielend. Fehler darf man bei der Zeitkontrolle nicht überbewerten. Die Performance war mit knapp 2200 eher „im Rahmen dessen“, aber es war ein sinniger Ausflug in den Osten der Republik, wo etwas Sinnhaftigkeit in manchen (Glatz-)Köpfen derzeit nicht fehl am Platze wäre.

Hier noch die offizielle Seite: Link

frank modder, 11.09.2018
 

Blick vom Hotelzimmer aus

* Bericht in der Süddeutschen Zeitung, ursp. v. 27.01.2007.